Hinweg (Roman)

Der Schock ihrer Rückkehr zu den Eltern lässt die sechzehnjährige Kema selbst glauben, der Junge an ihrer Seite sei, wie allgemein angenommen, ihr Pflegebruder. Die Liebe und Verantwortung für ihr Kind aber bleiben und treiben sie wieder fort von der häuslichen Gewalt, hinweg über die Grenze ihrer geteilten Stadt, zu einer alten Künstlerin, die die beiden aufnimmt. So schnell lässt ihre Vergangenheit sie nicht los, doch durch diese erste Begegnung mit Kunst und Freundschaft wird Kema am Ende wissen, wohin sie will.

In Hinweg beschäftigt mich das Dilemma des Widerstands, insbesondere wie es sich für diejenigen von uns darstellt, denen die Fähigkeit, nein zu sagen, durch und durch ausgetrieben wurde. Ob wir uns ergeben, aufbegehren oder flüchten, das Unhaltbare dominiert unser Leben. Wie können wir einen Raum schaffen, in dem wir uns nicht nur wehren und abgrenzen, sondern vor allem auch unabhängig definieren können? Hinweg handelt von Kemas Weg hin zu eben dieser Selbstbestimmung.

Die Handlung konzentriert sich auf die fiktive geteilte Großstadt Besat, eine instabile Montage aus realen Orten verschiedener Weltregionen. Ich verstehe Leser·innen, die einen Schauplatz bevorzugen, in dem sie sich zurechtfinden. Doch Traumata desorientieren. Sie schaffen ein Gefühl von Ortlosigkeit und Unverbundenheit mit der Welt. Zudem beschränkt sich sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Frauen, Gewalt überhaupt, nicht auf eine Region, sondern ist überall dort präsent, wo Menschen leben. Deshalb führt Flucht so oft lediglich von einer Gewalterfahrung zur nächsten. Diese Desorientierung und Globalität verkörpert die mit dem Anachronismus vergleichbare Anatopografie meines Romans.

Status: Hinweg ist fertig geschrieben und überarbeitet. Momentan ruht das Manuskript, aber ich brenne auf die nächste Überarbeitung und die neuen Perspektiven, die der Sprachversuch auf die Stimmfindung und Sprachermächtigung der Hauptfigur eröffnen wird.