Versuchsprotokoll

14.1.22

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„Bleibe nicht bei der Fassung, die dir gefällt. Experimentiere weiter.“ So oder so ähnlich lauteten die Worte meiner Fotodozentin Carmen Oberst, als wir uns noch vor meiner Zeit in Barcelona im Rotlicht ihrer Dunkelkammer in Hamburg über meine Abzüge beugten. Dieser Ratschlag ist gerade mein tägliches Mantra.

Ich überarbeite meinen zweiten Roman und beschäftige mich mit der Szene, in der zwei der Hauptfiguren das erste Mal aufeinander treffen. Die eine hat Fragen, die andere Antworten, aber sie haben keine gemeinsame Sprache, beziehungsweise die eine hat nur ein beschränktes Vokabular und die andere kann in der gegebenen Situation nicht frei sprechen. Hinzu kommen ihre unterschiedlichen Hintergründe und Erwartungen. Was sie gemein haben aber, ist der unbedingte Wille, sich zu verständigen.

Situationen wie diese habe ich selbst oft erlebt. Beim Schreiben merke ich, was mein Körper davon alles abgespeichert hat, mehr als ich bewusst erinnern könnte. Wenn ich loslasse, gelange ich über meine Absichten hinaus, die durch meinen Wissenshorizont limitiert sind. Das macht das Schreiben für mich so interessant. Ich schreibe nicht auf, was ich weiß, sondern was ich durch das Schreiben wissen werde. Jede Fassung holt mehr oder anderes hervor. Das ist aber kein leichtes Spiel. Es kostet mich jeden Tag aufs Neue eine immense Überwindung und anschließend bin ich ausgelaugt. Warum? Was riskiere ich schon? Ich kann doch jede Version abspeichern. Nichts geht verloren, oder?

Meine Fotos waren Unikate. Jeden einzelnen Abzug bearbeitete ich nach der Entwicklung mit Chemikalien und Licht. (Ich ahmte die Bilder meiner Dozentin nach, was sie nicht störte. Sie war der Auffassung, dass selbst in der Nachahmung etwas Eigenes entstehe. Ist das nicht großzügig?) Fehler ließen sich nicht rückgängig machen. Das Experimentieren trug ein unverhältnismäßig größeres Risiko als beim Schreiben, ging mir aber leichter von der Hand.

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Dieses Selbstporträt ist ein Probestück. Es ist kaum größer als eine Postkarte und ist mir als blinder Passagier in einem Notizheft bis hierher gefolgt. Es ist das letzte Bild, das mir von meinen Fotoarbeiten geblieben ist. Ich ließ sie samt den Gerätschaften meiner Dunkelkammer in Barcelona zurück. Nach dem Studium hatte ich dort keinen Job finden können, der mit meiner Rolle als alleinerziehende Mutter vereinbar gewesen wäre. Ein Stipendium in der Schweiz schien eine gute Option.

Spanisch und Katalanisch waren die ersten Sprachen, mit denen ich mich identifiziert habe. Sie stehen für die glücklichste Zeit meines Lebens, die sich in der Schweiz in das Gegenteil verkehrte. Ich habe dann noch ein paar andere Sprachen gelernt und obwohl ich die ersten beiden weiterhin problemlos verstehe, brauche ich ein paar Tage Eingewöhnung, bevor ich sie wieder fließend über die Lippen bekomme. Die Kommunikation mit meinen Freund·innen aus jener Zeit leidet. Ich trete immer seltener mit ihnen in Kontakt, obwohl ich sie liebe und vermisse.

Meine späteren Sprachen haben diese früheren überschrieben. Wo landen sie, wenn ich mich jetzt auf meine erste Sprache konzentriere? Auf dem dritten Platz? Ganz in Vergessenheit? Die Sprachverlustangst, die mich umtreibt, ist also nicht unbegründet. Doch wie steht es um den Grund, der ihren Verlust begünstigt?

Als Autorin fühle ich mich gedrängt, mich auf meine Sprache zu konzentrieren, z. B. Bücher nur in meiner Sprache zu lesen. Ich greife zu einem Buch in meiner Sprache aus Pflichtgefühl. Das hemmt meinen Zugang zu den Zeilen. Es spielt eine Rolle in meiner Sprachallergie, die mich dazu bringt, das Buch doch wieder wegzulegen und zu einem in einer anderen Sprache zu greifen. Wenn ich so überlege, spielt es sogar eine Rolle in meiner gelegentlichen Unlust, Freund·innen, die meine Sprache sprechen, zu treffen. Och, jetzt stundenlang in meiner Sprache unterhalten? Wie öde!, denke ich. Mir ist schon ein Abend, an dem überhaupt nur eine Sprache gesprochen wird, zu langweilig. Ich wünschte, es gäbe mehrsprachige Radiosender und Podcasts oder wenigstens mit unterschiedlichen Akzenten, freue mich über Fernsehserien und Filme, die das endlich aufgreifen, und genieße Berlins multilinguale Straßen. Auf einem Spaziergang neulich sog ich selig die vielfältigen Sprachen auf, als ein Mann vor mir zu der Frau an seiner Seite sagte: „Deutsch hört man hier aber auch gar nicht mehr.“ Es klang nicht so begeistert, wie ich das gesagt hätte.

Angst, meine eigene Sprache zu verlieren, verspüre ich anscheinend nicht, aber den Zwang, sie gut zu können, und dafür muss man sie doch üben, üben, üben, oder? Ich meine, ich schreibe sie täglich stundenlang, aber ich lese, höre und spreche sie selten.

Was heißt denn gut?

Auf einem Empfang unter dem gotischen Gewölbe einer altehrwürdigen Universität in England, runde Stehtische mit gestärkten weißen Decken, Röschen obendrauf, gesellte ich mich zu einem Kollegen aus Kolkata und einer Gruppe mir nicht bekannter Wissenschaftler. Mitten im ansonsten belanglosen Smalltalk sprachen die Herren, wie sie da standen und tumb den Whiskey in ihren Kristall-Tumblern schwenkten, meinem Kollegen ab, dass Englisch seine Muttersprache sei. Sie waren nicht imstande, jemanden mit einem ausgeprägten indischen beziehungsweise bengalischen Akzent als Muttersprachler aufzufassen. Mein Kollege blieb gelassen. Erstens fand er diese ihm zur Genüge bekannte Ignoranz seiner Aufregung unwürdig und zweitens amüsierte ihn, dass die Welt längst die Sprache dieser kleinen kolonialen Elite gekapert hatte und über ihre Köpfe hinweg mitgestaltete, mit all ihren Akzenten und Kadenzen und Komposita. Die Wache an den Toren des gedruckten Wortes, die auch meinen Kopf bis hierher besetzt hielt (good riddance), hinkt dieser Entwicklung hinterher, aber die Sprache selbst, die gehört längst allen.

Der Philologe Sheldon Pollock hat am Beispiel der altindischen Sprache Sanskrit aufgezeigt, wie Texte eine Form von Autorität festschreiben können, die eine Minderheit auf Kosten der Mehrheit begünstigt. Zentrales Instrument der Machtausübung ist dabei die exakte Anwendung des Regelwerks, die einer Bildungselite vorbehalten bleibt. Die Ironie der Geschichte ist, dass sich folglich das kreative Potential der südasiatischen Bevölkerung in ungeregelten Alltagssprachen entfaltete, die schließlich Sanskrit mitsamt seinem Machtapparat verdrängten.

Nicht länger denen nacheifern, die nicht die über Generationen erlittene Gewalt, sondern die Privilegien geerbt haben, die mit ihr generiert wurden. Sich ihnen nicht länger erklären, nicht länger warten, bis sie begreifen. Die aus dem Überleben gewonnene Kraft ist zu groß, um noch weiter auf der Stelle zu treten, zu wertvoll, um sie weiter darauf zu verschwenden. Aufbrechen und die eigene Community mitreißen.

Die Wucht dieser Widerständigkeit weht aus dem Gedicht We Feel Now a Largeness Coming On von Tracy K. Smith. Im Nachhall der Sklaverei in den USA wendet es die Weltordnung wie mit dem Handstreich einer höheren Macht. Allein schon der Titel haut mich um. Ich bin natürlich nicht angesprochen, das „We“ schließt mich nicht ein, und doch packt es mich. Smith erreicht den unterwürfigen Teil in mir. Es ist, als höbe sie eine schwere Steinplatte von meiner Stimme.

Sprache ist kein monolithisches Monument, doch die Illusion von ihr als solches existiert. Und zu dieser Illusion habe ich Zugang gesucht und mich gewundert, warum die Scheintür nicht nachgab.

Was heißt denn gut für mich?

Mein Prinzip „Schwingen“ habe ich bereits im Eintrag vom 7.11.21 vorgestellt. Ob ein Text für mich schwingt, kann ich erst sagen, wenn es so weit ist. Im Voraus lässt sich nicht bestimmen, welche Elemente so aufeinander reagieren, dass diese Eigenenergie entsteht. Mich festzulegen, würde diesen Prozess blockieren. Doch die gegenseitige Befruchtung von Thema und Sprache ist sicherlich eine Zutat. Und gegenwärtig handelt meine literarische Arbeit von einer Gruppe von Menschen, die sich falsch verstehen, und dem kreativen Spielraum, den die Diskrepanz eröffnet. Verständigungsprobleme brauchen keine Fremdsprachen, aber der Zustand, dass ich in keiner Sprache zu Hause bin, macht mich zur Ureinwohnerin der Diskrepanz. Die Ungewissheit, die dort herrscht, ist fantastisch. Sie steigert die Aufmerksamkeit und alles kann ganz neu betrachtet werden. Gut heißt für mich also gar nicht, eine Sprache zu beherrschen. Ich brauche alle meine Sprachen.

Mein Versuch, mich mit meiner Sprache zu versöhnen, ist hiermit noch nicht beendet. Es scheint mir immer noch merkwürdig, dass sie so ein Klotz für mich ist, so eine undurchdringliche Wand. Sie ist ein toter Winkel für mich, und wer den nicht im Blick hat, der verletzt früher oder später sich selbst und andere.

 

* Sheldon Pollock, The Language of the Gods in the World of Men: Sanskrit, Culture, and Power in Premodern India. Berkeley, University of California Press, 2006.

** Tracy K. Smith, We Feel Now a Largeness Coming On. Vorgetragen von der Dichterin hier: https://www.newyorker.com/magazine/2020/11/23/we-feel-now-a-largeness-coming-on [zuletzt gehört am 10.01.2022].