Versuchsprotokoll

Mittwoch, 1.12.21

Muster und Meeresoberfläche

Stimmt, ich wollte Stimmfindung betreiben. Genauer, ich wollte Stimmen zusammen mit ihren Körpern wahrnehmen. Das fällt mir wieder ein, als ich in einem Café am Fenster sitze und mit den anderen Gästen im Rücken ihre Gespräche von ihnen losgelöst höre. Die unleserliche Schrift meiner zitternden Hand scheint das unverständliche Stimmgewirr zu notieren.

Wenn ich schreibe, verschwindet meine Sprache. Ich schreibe schnell. Nicht der Schreibakt allein befördert mich in die Welt meiner Geschichten, das Tempo spielt eine Rolle. Wenn das Karussell sich schnell genug dreht, bildet es seinen eigenen ruhigen Kosmos, und die Welt rundherum verschwimmt zu Farbstreifen ohne ablenkendes Detail. Planet Schreiben ein Saturn.

Die quäkende Stimme einer Frau durchdringt das Raunen im Café. Sie nötigt mich, jedes Wort zu verstehen. Liegt es am Körperbau der Frau, dass sie eine hohe Stimme hat, oder erwies sich irgendwann diese Tonlage als wirkungsvoll, um Gehör zu finden in einer Welt, in der ihre Stimme nicht zählte? Hilferufe haben eine hohe Frequenz.

Ich habe mein täglich eingeplantes Stimmtraining vernachlässigt. Es widerstrebt mir, meine Nachbar·innen im Homeoffice in unserem hellhörigen Altbau zu nerven. Ich habe es verinnerlicht, leise zu sein. Meine Stimme zu erheben ist mir fremd. Die Hemmung umklammert meinen Brustkorb wie Novemberkälte. Wie eine Depression schaltet sie meinen Körper aus.

Wage ich die Übungen, entfalte ich mich. Ich werde noch größer, als ich ohnehin bin. Die stoßartigen Konsonanten stärken mein Zwerchfell, die dehnbaren bringen meinen Torso und mein Skelett zum Vibrieren. Sie rütteln an der Klammer. Sie löst sich und fällt weg. Die Laute tasten meinen gesamten Rachen und Mundraum ab, bevor sie sich von meinen Lippen lösen und über die Hügel rollen, die ich mir vorstelle, um neue Höhen und Tiefen und Distanzen zu erreichen. Der Korken zwischen meinen Zähnen führt meine Sprache auf Umwege. Jede Vokabel schmeckt wie ein Fremdwort. Kaum wird es körperlich, nehme ich sie nicht mehr als meine Sprache wahr.

In meinen Fremdsprachen bin ich physisch präsent. Egal wie fließend ich sie spreche, sie bleiben widerspenstig. Der Akzent, die Wissenslücke, das Missverständnis, sie wirken wie ein Musterbruch. Fehler lassen sich nicht vorhersagen. Sie stimmen nicht mit den Hypothesen überein, die mein Gehirn ohne mein bewusstes Zutun anstellt. Die unerwartete Situation verlangt meine Aufmerksamkeit. Sie weckt mich auf. Ich bin da.

Diesen Zustand empfinde ich als Zuhause. Dort fühle ich mich wohl. Dort lebe ich auf. Danach sehne ich mich. Mein halbes Leben habe ich in Fremdsprachen verbracht. Ich gehe davon aus, meine Sprache verlernt zu haben. Wenn sie mir nun also auch eine Fremdsprache ist, wieso kann ich denn in ihr nicht wie in den anderen sein? Weil ich mir einbilde, sie gehörte zu mir?

Die Frau mit der quäkenden Stimme verlässt das Café. Hinter mir das Stimmgewirr, vor mir das wirre Schriftbild. Darin steckt und versteckt sich meine Sprache. Ich unterschätze sie. Sie ist nicht meine. Sie lebt durch den Austausch und Wandel. Kontinuierlicher Musterbruch. Er lässt sich so schwer fassen wie eine bewegte Meeresoberfläche zeichnen.

 

* Fortan meine ich mit „meiner“ Sprache die erste, die ich gelernt habe.